Fünf Jahre nach der EU und Deutschland verfügt nun auch die Schweiz über eine Wasserstoffstrategie. Entscheidend für einen Markthochlauf wird sein, ob die Anbindung an das europäische Wasserstoffnetz gelingt.
Von Daniela Decurtins, Direktorin beim Verband der Schweizerischen Gasindustrie
Im April 2024 fand erstmals nach 2019 wieder ein Weltenergiekongress statt. 5000 Delegierte aus der ganzen Welt fanden sich in Rotterdam ein und diskutierten unter dem Motto «Redesigning Energy for People and Planet» verschiedenste Fragen sowie Lösungsansätze. Beim letzten Kongress vor fünf Jahren in Abu Dhabi waren noch die Klimaziele im Vordergrund gestanden, und es herrschte geradezu euphorische Gründerstimmung. Diese machte in Rotterdam Realitätssinn und Pragmatismus Platz.
Sowohl die Folgen des Angriffs Russlands auf die Ukraine als auch die Lieferkettenengpässe haben das kollektive Bewusstsein geschärft. Zum einen hinsichtlich der hohen Bedeutung von Resilienz, der Widerstandsfähigkeit gegen äussere Schocks, zum anderen auch in Bezug auf die Wichtigkeit einer sicheren und wirtschaftlichen Energieversorgung für Volkswirtschaften. Bei der Transformation zu einer klimaneutralen Energieversorgung kommt es entsprechend darauf an, die alten Abhängigkeiten nicht durch neue zu ersetzen und den Transformationspfad abzusichern – eine der zentralen Erkenntnisse in Rotterdam. Dies gelingt, indem man sich nicht einseitig nur auf Strom, sondern auf verschiedene Energieträger und Infrastrukturen abstützt. Die Energieversorgung muss als Gesamtsystem begriffen und entwickelt werden, sowohl unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit als auch der Wirtschaftlichkeit.
Der neue Pragmatismus
Die wichtigsten Erkenntnisse in Rotterdam können wie folgt zusammengefasst werden:
- Es gibt keine One-size-fits-all-Lösung für die Transformation der Energieversorgung. Der Pfad hängt von den individuellen Ausgangslagen der Länder und Regionen ab.
- Internationale Kooperationen sind der Schlüssel, um neue Technologien und Märkte zu entwickeln. Viele Investitionen werden notwendig; bestehende Infrastrukturen sollten möglichst genutzt werden.
- Neben erneuerbaren Elektronen werden Wasserstoff, Methanol, Ammoniak, SAF und E-Fuels an Bedeutung gewinnen.
- Es braucht klare und stabile rechtliche Rahmenbedingungen (teilweise in Kombination mit Anreizsystemen).
Entsprechend werden künftig Biomethan, synthetische flüssige und gasförmige Energieträger, die mittels Elektrolyse aus erneuerbarem Strom hergestellt werden können, aber auch Wasserstoff anstelle von Erdgas eine wichtige Rolle spielen. Diese klimafreundlichen Gase werden einerseits aus heimischer Produktion stammen, andererseits zu erheblichen Anteilen importiert werden müssen.
Verdichterstation Ruswil: Sie ist die Betriebszentrale des Gastransportsystems in der Schweiz und das Herzstück der Transitleitung.
Quelle: Verband der Schweizerischen Gasindustrie
Schweiz wartet ab
Regierungen weltweit setzen dabei insbesondere auf Wasserstoff zur Erreichung der Klimaziele. So veröffentlichte Japan bereits 2017 eine Strategie, 2020 folgten die EU und Deutschland. Die Strategien umfassen in der Regel Förderprogramme und verschiedenste Anreize – von der Produktion bis zum Verbrauch –, um den Markthochlauf in den jeweiligen Ländern zu unterstützen. Seit Dezember 2024 verfügt nun auch die Schweiz über eine Wasserstoffstrategie. Diese zeigt Perspektiven eines möglichen Wasserstoffmarkts in der Schweiz auf. Sie widerspiegelt aber auch das Ringen des Bundes mit der Frage, ob sich der «neue» Energieträger überhaupt etablieren kann, ohne dass massiv gefördert würde, sowie der Unsicherheit, ob er künftig zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein wird. Insofern ist die Strategie ein Schritt in die richtige Richtung, es besteht aber weiter Klärungsbedarf zu verschiedenen Rahmenbedingungen.
Man wird den Eindruck nicht los, dass der Bund abwartet. Das ist zwar nachvollziehbar. Es darf dann aber nicht die Erwartung bestehen, dass die Branche in der Schweiz aktuell stark in Wasserstoff investiert.
Anbindung an internationale Importrouten ist zentral
Aus Sicht der Schweizer Gasbranche steht eine Anbindung an die internationalen Importrouten und damit an das europäische Wasserstoffleitungsnetz im Vordergrund. So soll der Zugang zu günstigen Wasserstoffquellen gesichert werden. Gleichzeitig kann die Schweiz ihre Position in Europa stärken. Dem Anschluss misst auch der Bund in seiner Strategie erfreulicherweise die gebührende Bedeutung zu. Der SoutH2 Corridor ist dabei speziell im Fokus. Das Projekt zielt darauf ab, erneuerbaren Wasserstoff von Nordafrika nach Europa zu transportieren. Die 3300 km lange Pipeline soll Nordafrika mit Italien, Österreich und Deutschland verbinden. Sie wird politisch von mehreren Regierungen unterstützt, um eine kostengünstige und nachhaltige Wasserstoffversorgung sicherzustellen. Die Schweiz drohte hier lange den Anschluss zu verpassen, obwohl die Schweiz mit der Transitgasleitung über die direkteste Verbindung von Italien nach Deutschland verfügt. Inzwischen nimmt die Schweiz aber an den Gesprächen im Beobachterstatus teil.
Aus Sicht der Schweizer Gasbranche ist der Anschluss an das europäische Wasserstoffnetz zentral, um Marktintegration und Zugang zu wettbewerbsfähigem Wasserstoff zu ermöglichen.
Es braucht einen übergreifenden Dialog
Ob der Markthochlauf in Europa gelingt, bleibt weiter unsicher. Es hängt alles davon ab, wie ernst es Europa mit der Netto-Null-Zielsetzung ist und auch einen Rahmen insbesondere für Industrie und Gewerbe schafft, damit diese ihre Prozesse wirtschaftlich defossilisieren können. Momentan ist allerdings, unter anderem auch aufgrund der geopolitischen Umwälzungen, Sand ins Getriebe geraten. Nur 4% der für 2030 angekündigten globalen Wasserstoffproduktion haben eine Investitionsfreigabe erhalten. Die Industrie schliesst aktuell keine substanziellen Abnahmeverpflichtungen ab, weil die Preise und Auslieferungsdaten schwer abschätzbar sind. Entsprechend macht sich neben einer grundsätzlich optimistischen Stimmungslage nach dem Start Deutschlands, das Kernnetz umzusetzen, auch Frustration breit.
Für die Schweiz geht es darum, Optionen offenzuhalten. Was ist es ihr wert, die Klimaziele zu erreichen? Die Rede ist von 1 bis 2 Milliarden Franken, wenn es darum geht, die Transitleitung für den Transport von Wasserstoff aufzurüsten, indem stückweise eine zweite Leitung gebaut wird. Das sind Beträge, die mit früheren Investitionen in den Bau von Pumpspeicherwasserkraftwerken vergleichbar sind. Die Privatwirtschaft, der die Transitleitung unter anderem gehört, wird die Risiken nicht allein tragen können. Da Wasserstoff mit hohen Unsicherheiten verbunden ist, braucht es Mut, staatliche Unterstützung und langfristige Perspektiven für die entsprechenden Schritte.
Zentral wird es sein, einen gesellschaftlichen Grundkonsens zu erzielen, als Ergebnis eines Dialogs: mit Kunden, Akteuren aus der Energie- und Klimapolitik und der Verwaltung sowie weiteren Akteuren der Energiewirtschaft, insbesondere auch dem Stromsektor. In einem zweiten Schritt ist schliesslich sicherzustellen, dass der importierte Wasserstoff dann auch zu den Kunden gelangt. Die Arbeit geht der Schweizer Gaswirtschaft nicht aus.
Stollensystem der Transitleitung im Grimsel: Herzstück im europäischen Gastransportnetz. Quelle: Verband der Schweizerischen Gasindustrie