Im Dezember 2024 hat der Bundesrat die Wasserstoffstrategie für die Schweiz verabschiedet – ein wichtiger Schritt, um den Klimazielen des Landes näher zu kommen. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 50% (im Vergleich zu 1990) sinken, und bis 2050 will die Schweiz klimaneutral sein. Wasserstoff und sogenannte Power-to-X (P2X)-Derivate können dabei eine zentrale Rolle spielen. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Strategie, ihre Ziele und die Massnahmen, die die Schweiz auf den Weg in eine nachhaltige Energiezukunft bringen sollen.

Von Avenergy Suisse

Wasserstoff ist ein vielseitiger Energieträger, der fossile Brennstoffe in Bereichen ersetzen kann, die schwer zu dekarbonisieren sind – etwa in der Industrie, im Schwerverkehr oder in der Schifffahrt. In der Schweiz, wo erneuerbare Energien wie Wasserkraft bereits einen grossen Anteil am Strommix haben, bietet Wasserstoff die Möglichkeit, überschüssigen Strom zu speichern und flexibel einzusetzen. So kann er dazu beitragen, die Energieversorgung sicherer zu machen.

Die Wasserstoffstrategie des Bundes ist Teil der Energiestrategie 2050, die darauf abzielt, die Schweiz bis 2050 klimaneutral zu machen. Wasserstoff soll erneuerbaren Strom in alle Sektoren bringen – von der Industrie über den Verkehr bis zur Wärmeversorgung. Dabei macht der Bundesrat klar: Wasserstoff ist kein Allheilmittel. Er soll gezielt dort eingesetzt werden, wo er wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist, zum Beispiel bei der Hochtemperaturprozesswärme in der Industrie oder in der Schifffahrt.

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Emosson Staudamm, Schweiz. Quelle: iStock

CO₂-neutraler Wasserstoff: der Fokus der Schweiz

Die Strategie setzt auf CO₂-neutralen Wasserstoff, also Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien wie Solar-, Wind- oder Wasserkraft hergestellt wird – oft als «grüner Wasserstoff» bezeichnet. Auch Wasserstoff aus Kernenergie gilt in der Schweiz als CO₂-neutral. Der Bundesrat erwartet, dass die Kosten für grünen Wasserstoff in den nächsten zehn Jahren sinken werden, dank globaler Marktentwicklungen und technologischer Fortschritte. Schon jetzt gibt es Pläne, überschüssigen Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff umzuwandeln, etwa wenn die Strompreise niedrig sind. So könnten Abregelungen bei der Stromproduktion vermieden und die Versorgung im Winter gestärkt werden.

Neben Wasserstoff spielen auch Power-to-X (P2X)-Derivate eine wichtige Rolle. Das sind synthetische Energieträger wie Methan oder Methanol, die aus Wasserstoff hergestellt werden. Sie können in bestehende Infrastrukturen wie Gasleitungen oder Tanks integriert werden, sind aber energieintensiv in der Herstellung. Deshalb betont die Strategie, dass der Kohlenstoff für diese Derivate aus nachhaltigen Quellen wie Biomasse oder direkt aus der Luft stammen soll, um die Klimaziele nicht zu gefährden.

Gemäss der Strategie soll Wasserstoff 2035 an grossen Stromerzeugungsanlagen oder direkt bei Grossverbrauchern wie Industrieunternehmen produziert werden. So genannte Wasserstoff-Hubs sollen entstehen – Cluster, in denen Energieversorger und Industrie zusammenarbeiten, um Wasserstoff zu erzeugen, zu nutzen oder weiterzuleiten. Idealerweise gibt es dort auch Speicher, um den Wasserstoff saisonal zu lagern. Ausgehend von diesen Hubs soll ein Kernnetz entstehen, das Wasserstoff per Rohrleitung, Strasse oder Schiene verteilt.

In der Industrie wird Wasserstoff dann als Rohstoff oder zur Erzeugung von Hochtemperaturprozesswärme genutzt, etwa in der Stahl- oder Chemieproduktion. Er soll fossile Treibstoffe in der Luftfahrt und im Schiffsverkehr ersetzen, während im Schwerverkehr auf der Strasse wasserstoffbetriebene Brennstoffzellenfahrzeuge zum Einsatz kommen. Thermische Netze könnten durch Kraftwerke unterstützt werden, die bei Spitzenlast mit Wasserstoff oder P2X-Derivaten betrieben werden.

Anbindung an Europa: Importe als Schlüssel

Die Schweiz ist ein kleines Land mit begrenzten Möglichkeiten, Wasserstoff in grossem Stil selbst zu produzieren. Deshalb setzt die Strategie auf den Import von Wasserstoff, vor allem ab Mitte der 2030er-Jahre. Dafür ist die Anbindung an das europäische Wasserstofftransportnetz entscheidend.

Der Bundesrat will sicherstellen, dass die Schweiz nicht den Anschluss verliert. Dafür führt er Gespräche mit Nachbarstaaten und der EU, um die Interessen der Schweiz einzubringen. Ab 2035 sollen Schweizer Unternehmen Wasserstoff direkt aus Europa oder über europäische Handelsplätze beziehen können. Auch die Diversifizierung der Importkanäle ist ein Thema: Der Bund plant Kooperationen mit Ländern ausserhalb Europas, etwa durch Memoranda of Understanding, um Abhängigkeiten zu minimieren. Gleichzeitig soll die Schweiz Zugang zu Speicherkapazitäten in Nachbarländern sichern, da grosse Wasserstoffspeicher im Inland fehlen.

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Wasserstofftankstellen sind in der Schweiz noch rar. Dies könnte sich bald schon ändern. Quelle: iStock

Forschung und Innovation: Die Schweiz will vorne mitspielen

Die Schweiz möchte nicht nur Wasserstoff nutzen, sondern auch bei der Technologieentwicklung eine führende Rolle übernehmen. Forschung und Innovation stehen deshalb im Fokus der Strategie. Universitäten, der ETH-Bereich und Fachhochschulen sollen weiterhin unterstützt werden, um Wasserstofftechnologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion über den Transport bis zur Anwendung – zu entwickeln. Der Bundesrat sieht hier ein grosses Exportpotenzial: Schweizer Wasserstofftechnologien könnten weltweit gefragt sein und den Wirtschaftsstandort stärken. Kantone und die Energiebranche sollen wo möglich die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften fördern, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Massnahmen des Bundesrats: Förderung und Infrastruktur

Der Bundesrat hat eine Reihe von Massnahmen vorgeschlagen, um den Wasserstoffmarkt in der Schweiz aufzubauen. Hier ein Überblick:

– Monitoring und Bedarfsabschätzung: Der Bedarf an Wasserstoff soll regelmässig überprüft werden, etwa durch die Aktualisierung der Energieperspektiven 2050+. Schätzungen zufolge könnte die Nachfrage bis 2050 auf 3,6 bis 10TWh steigen.

– Förderung der Produktion: Ab 2025 will der Bund die Produktion und Speicherung von Wasserstoff und P2X-Derivaten fördern, etwa durch Finanzhilfen für Unternehmen, die ihre Emissionen reduzieren. Diese Förderung ist bis 2030 befristet und im Klimaschutzgesetz verankert.
– Infrastruktur: Der Bund prüft finanzielle Absicherungen für den Umbau der Transitgasleitung und den Anschluss an das europäische Netz. Auch Wasserstofftankstellen entlang der Nationalstrassen sollen gefördert werden.
– Runder Tisch zu Speichern: Ein Runder Tisch soll klären, wie Wasserstoff und P2X-Derivate zur saisonalen Energiespeicherung beitragen können, etwa durch Kavernen oder die Umnutzung bestehender Tanklager.
– Internationale Kooperation: Der Bund will strategische Partnerschaften mit Drittstaaten schliessen und die Schweiz an internationale Wasserstoffmärkte anbinden.

Geopolitische Hürden und fehlende Wettbewerbsfähigkeit

Wasserstoff bringt viele Vorteile, aber auch Herausforderungen mit sich. Seine Herstellung ist energieintensiv, und er ist flüchtig – unter bestimmten Umständen sogar explosiv. Das erfordert strenge Sicherheitsvorkehrungen und Investitionen in die Infrastruktur. Zudem hat Wasserstoff eine geringe volumetrische Energiedichte, was ihn für Anwendungen wie den Langstreckenflugverkehr weniger geeignet macht. Hier kommen P2X-Derivate ins Spiel, die aber wiederum teurer in der Herstellung sind.

Ein weiteres Thema ist die Abhängigkeit von Importen. Während die Schweiz zunächst auf Eigenproduktion setzt, wird sie ab Mitte der 2030erJahre auf Importe angewiesen sein. Das birgt geopolitische Risiken, die der Bundesrat durch Diversifizierung und Nachhaltigkeitsstandards minimieren will. Und schliesslich: Wasserstoff ist heute noch nicht wettbewerbsfähig gegenüber fossilen Energieträgern. Der Bund setzt darauf, dass die Kosten sinken, und unterstützt den Marktaufbau mit gezielten Massnahmen. All das zeigt: Der Bundesrat sieht die Potenziale des Wasserstoffs für die Schweizer Industrie. Gleichzeitig gibt es auf dem Weg zu einer breiteren Anwendung noch einige Hürden zu nehmen.