Reto Huber, Geschäftsführer Postautobetrieb von Voegtlin-Meyer, setzt auf Wasserstoff als zukunftsfähige Antriebstechnologie. Im Interview erklärt er, warum sich die Brennstoffzelle im Betrieb bewährt, welche Vorteile sie im Vergleich zur Elektromobilität bietet – und wie regionale Energieproduktion dabei eine zentrale Rolle spielt.

Interview: Avenergy Suisse

Herr Huber, was genau ist Ihre Rolle bei Voegtlin-Meyer?
Ich bin Geschäftsführer von Voegtlin-Meyer Postautobetrieb. Wir betreiben derzeit 36 Fahrzeuge, und ich führe rund 100 Mitarbeitende. Neben dem Postautobetrieb bin ich auch für die Tankstellen von Voegtlin-Meyer verantwortlich und gehöre zur Gesamtgeschäftsleitung. Unser Unternehmen hat eine lange Tradition und meine Aufgabe ist es, sowohl die operative Führung sicherzustellen als auch strategische Weichen für die Zukunft zu stellen – insbesondere in Bezug auf nachhaltige Mobilität.

Wir sind heute hier, weil Sie Brennstoffzellen-Postautos betreiben. Ich glaube, Sie haben aktuell eines?
Ja, genau, derzeit haben wir ein Fahrzeug mit Wasserstoffantrieb in Betrieb. Es ist voll in unseren täglichen Fahrplan integriert und bewährt sich hervorragend.

Warum nehmen Sie den zusätzlichen Aufwand auf sich, eine neue Antriebsart in Ihren Betriebsalltag zu integrieren?

Ich muss hier etwas ausholen. Als ich 2013 zu Voegtlin-Meyer kam, hatten wir bereits fünf Postautos mit Wasserstoffantrieb. An meinem ersten Arbeitstag hatte ich ehrlich gesagt grosse Bedenken. Ich dachte an den Zeppelin von einst, die Hindenburg, der 1937 in Flammen aufging, und war entsprechend skeptisch. Wasserstoff hatte damals für mich einen eher negativen Ruf, was Sicherheit anging. Doch diese Bedenken haben sich schnell gelegt, als ich die Technologie besser verstanden habe.

Haben Sie heute noch Sicherheitsbedenken?
Nein, überhaupt nicht. Wasserstoff ist viel leichter als Luft. Falls es zu einem Austritt kommt, steigt er sofort nach oben und verflüchtigt sich, wodurch das Risiko einer Ansammlung oder Entzündung minimal ist. Zudem sind die Tanks und Systeme heute so ausgereift, dass sie höchsten Sicherheitsstandards entsprechen. Wir haben in all den Jahren keinerlei Probleme gehabt.

Jetzt haben Sie gesagt, 2013 seien noch fünf Fahrzeuge mit Wasserstoff betrieben worden, jetzt ist es nur noch eines. Das müssen Sie erklären?
Diese fünf Fahrzeuge waren Teil des sogenannten CHIC-Projekts – Clean Hydrogen in European Cities. Das war eine EU-Initiative zur Förderung von Wasserstoffantrieben im öffentlichen Verkehr, an der mehrere Städte und Unternehmen beteiligt waren. In unserem Fall lief das Projekt in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post, die die Fahrzeuge bereitgestellt hatte. Nach dem Ende des Projekts zog sich die Post aus dem Projekt zurück und die meisten Fahrzeuge wurden ausser Betrieb genommen oder anderweitig genutzt.

Was war der ausschlaggebende Punkt, dass Sie weiterhin Wasserstofffahrzeuge in Ihren Betrieb integrierten?
Nachdem ich die erste Betankung beobachtet hatte, wurde mir klar, wie praktikabel und effizient das System ist. Die Betankung mit Wasserstoff dauert genauso lange wie bei einem Dieselfahrzeug – etwa fünf bis sieben Minuten. Das bedeutet, dass sich am Betriebsablauf nichts ändert. Hinzu kommt die hohe Reichweite, die uns eine enorme Flexibilität im Einsatz ermöglicht. Das hat mich überzeugt, dass Wasserstoff eine Technologie ist, die in unseren Alltag passt und einen echten Mehrwert bietet.

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Erste Wasserstoff-Postautos sind schon heute auf den Strassen unterwegs. Quelle: eigene Darstellung

Ist das nicht auch bei Elektrobussen so?
Nein, das ist anders. Wir betreiben auch zwei Elektro-Postautos, und da gibt es deutliche Unterschiede. Bei den Elektrofahrzeugen müssen die Dienste der Chauffeure oft unterbrochen werden, weil die Reichweite begrenzt ist. Maximal kommen wir auf 222 Kilometer, bevor das Fahrzeug geladen werden muss – und das Laden dauert je nach Ladestation zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden. Beim Wasserstofffahrzeug sind es hingegen fast 700 Kilometer ohne Unterbrechung. Das ist ein riesiger Unterschied, vor allem für den öffentlichen Verkehr, wo Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit entscheidend sind. Deshalb bin ich überzeugt, dass Wasserstoff insbesondere für schwere Fahrzeuge und den ÖV die Technologie der Zukunft ist.

Sie sagten, mit einer Tankfüllung kommt man rund 700 Kilometer weit. Ist das vergleichbar mit einem Dieselfahrzeug?
Ja, die Reichweiten sind etwa gleich. Unsere Diesel-Postautos kommen ebenfalls auf etwa 650 bis 700 Kilometer, je nach Strecke und Beladung. Das macht Wasserstoff zu einer echten Alternative, ohne dass wir Abstriche bei der Einsatzplanung machen müssen.

Ist Ihr Wasserstoff-Postauto ganz normal in den täglichen Betrieb integriert?
Ja, absolut. Es fährt quer durch unser Netz, beispielsweise nach Döttingen, zur Habsburg oder auch auf längeren Strecken im Kanton Aargau. Im Gegensatz dazu sind unsere Elektro-Postautos nur auf bestimmten, kürzeren Strecken einsetzbar, weil die Reichweite und Ladezeiten uns sonst zu sehr einschränken würden.

Ich habe den Eindruck, Sie sind ein Befürworter der Wasserstofftechnologie und sehen Elektromobilität eher kritisch?
Ich mache einfach einen sachlichen Vergleich. Da wir alle drei Antriebsarten – Diesel, Wasserstoff und Elektro – im Einsatz haben, kann ich die Vor- und Nachteile direkt miteinander abwägen. Monatlich bekomme ich detaillierte Reportings zu Betriebskosten, Ausfallzeiten, Reichweite usw. Das ist alles sehr transparent. Und dabei zeigt sich, dass Wasserstoff in vielen Bereichen besser abschneidet, insbesondere im Vergleich zur Elektromobilität. Ich sage nicht, dass Elektrofahrzeuge grundsätzlich schlecht sind – sie haben ihren Platz –, aber für unseren Einsatzbereich ist Wasserstoff aktuell die überlegene Lösung.

Warum bleiben diese vier Fahrzeuge aussen vor?
In Windisch haben wir eine Pantographen-Ladestation, die speziell für Elektrobusse ausgelegt ist. Für Linien mit kurzen Distanzen von maximal fünf Kilometern macht es Sinn, auf Elektromobilität zu setzen, weil die Fahrzeuge dort schnell zwischengeladen werden können. Man muss immer abwägen, welche Technologie für welche Einsatzbereiche am besten geeignet ist. Für den Grossteil unserer Strecken – vor allem die längeren Verbindungen – sind Diesel oder Wasserstoff jedoch ideal.

Bemerkt man als Fahrgast einen Unterschied, wenn man in einem Wasserstoff-Postauto sitzt?
Ja, definitiv. Es ist deutlich leiser als ein Dieselbus, was den Komfort erhöht. Zudem funktioniert die Klimatisierung im Sommer besser und im Winter kann das Fahrzeug effizient beheizt werden, ohne dass die Reichweite darunter leidet. Bei Elektrofahrzeugen gibt es oft Modelle, die mit Dieselheizungen betrieben werden oder vor der Abfahrt viel Energie für das Vorheizen benötigen. Das ist bei Wasserstoff anders – die Brennstoffzelle liefert kontinuierlich Energie, unabhängig von den äusseren Bedingungen.

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Bald kann in Brugg (AG) Wasserstoff getankt werden. Quelle: eigene Darstellung

Wie sieht der Kostenvergleich aus? Was kostet eine Tankfüllung Wasserstoff im Vergleich zu Diesel?
Als Steuerzahler möchte ich möglichst wirtschaftlich arbeiten. Entscheidend ist der Preis pro Kilometer in der Vollkostenrechnung. Aktuell liegt der Dieselpreis bei etwa 87 Rappen pro Kilometer, Wasserstoff bei 1.30 Franken und Elektromobilität bei 4.30 Franken. Das klingt erstmal überraschend, aber bei Elektrofahrzeugen kommen hohe Anschaffungskosten, Wartung und vor allem die Ladeinfrastruktur hinzu. Würden wir unsere gesamte Flotte elektrifizieren, müssten wir allein in die Ladeinfrastruktur etwa 1,8 bis 1,9 Millionen Franken investieren. Bei Wasserstoff sind die Tankstellenkosten überschaubarer, vor allem, wenn wir wie geplant direkt vor Ort produzieren und tanken.

Wo tanken Sie aktuell Ihr Wasserstoff-Postauto? Haben Sie eine eigene Tankstelle?
Derzeit tanken wir bei der Firma Messer in Lenzburg, etwa 15 Kilometer von hier entfernt. Ab dem 1.Januar 2026 werden wir jedoch direkt hier in Brugg tanken können, was einen grossen Schritt in Richtung Unabhängigkeit bedeutet.

Woher stammt der Wasserstoff, den Sie in Lenzburg tanken?
Die Firma Messer stellt ihn in ihrer eigenen Produktionsanlage her. Der genaue Herstellungsprozess hängt von verschiedenen Faktoren ab, aber Messer ist ein etablierter Anbieter von Industriegasen und garantiert eine zuverlässige Versorgung.

In Zukunft sollen alle Fahrzeuge hier in Brugg betankt werden. Wie funktioniert das genau?
Ja, wir haben ein spannendes Projekt vor Ort. In der Nähe betreibt die Axpo ein Flusskraftwerk an der Aare. Der dort erzeugte Strom wird in eine neue Produktionsanlage für Wasserstoff eingespeist, die nur ein paar hundert Meter von unserem Depot entfernt gebaut wird. Über eine Pipeline – eher kleine Röhrchen als grosse Rohre – gelangt der Wasserstoff dann direkt zu unserer neuen Tankstelle. Die Aare wird also indirekt unsere Flotte antreiben. Vom Strom über die Wasserstoffproduktion bis zur Betankung bleibt alles im kleinsten Umkreis – das ist nicht nur effizient, sondern auch ökologisch ein grosser Vorteil.

Reto Huber

Ich bin überzeugt, dass Wasserstoff insbesondere für schwere Fahrzeuge und den ÖV die Technologie der Zukunft ist.

Reto Huber

Mehr über Reto Huber

Reto Huber ist Geschäftsführer der Postautobetriebe von Voegtlin-Meyer in Brugg und Mitglied der Geschäftsleitung. Die Voegtlin-Meyer AG ist ein traditionsreiches, inhabergeführtes Familienunternehmen mit Sitz in Windisch, das seit über 112 Jahren besteht. Ursprünglich im Jahr 1912 von Jakob Voegtlin als Kohlehandel gegründet, hat sich das Unternehmen über die Jahrzehnte zu einem vielseitigen Anbieter entwickelt. Heute umfasst das Leistungsspektrum den Vertrieb von Brenn- und Treibstoffen, den Betrieb eines Tankstellennetzes mit über 35 Standorten, Postautodienste sowie Entsorgungsdienstleistungen. Besonders im Bereich der nachhaltigen Mobilität setzt Voegtlin-Meyer mit dem Einsatz von Wasserstoff-Postautos neue Massstäbe im öffentlichen Verkehr.

Gehört die Produktionsanlage Ihnen oder der Axpo?
Die Anlage gehört der Axpo, wir sind lediglich der Endabnehmer. Wir haben jedoch einen exklusiven Abnahmevertrag mit ihnen, der uns eine stabile Versorgung sichert. Das ist eine Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren.

Wie wichtig ist bei der Entscheidung, auf Wasserstoff umzusteigen, eigentlich die Versorgungssicherheit?
Versorgungssicherheit ist essenziell. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie, aber mit der Nähe zur Produktion erhöhen wir unsere Unabhängigkeit erheblich. Gerade im Vergleich zur Elektromobilität, wo wir auf das Stromnetz und dessen Stabilität angewiesen sind, sehe ich hier klare Vorteile. Dazu kommt unsere Erfahrung aus dem CHIC-Programm: Damals haben wir mit den Wasserstoff-Postautos 1,7 Millionen Kilometer ohne nennenswerte Probleme zurückgelegt. Diese Zuverlässigkeit ist ein starkes Argument, vor allem wenn man bedenkt, dass wir im öffentlichen Verkehr eine hohe Dienstleistungsqualität garantieren müssen.

Wie stehen andere Postauto-Betreiber zu Wasserstoff?
Das Interesse wächst spürbar. Ein Unternehmen aus der Region, das viele Elektrobusse betreibt, hat mir kürzlich berichtet, dass sie zurück auf Wasserstoff umsteigen wollen. Im Winter hatten ihre Elektrobusse nicht genug Reichweite, sodass sie einen zusätzlichen Fahrplan mit mehr Fahrzeugen und Chauffeuren erstellen mussten – das treibt die Kosten enorm in die Höhe. Ein anderer Betreiber im Kanton Zürich, der kürzlich eine neue Halle für Elektromobilität eröffnet hat, hat mir bei der Besichtigung erzählt, dass er bereits alles für eine mögliche Umstellung auf Wasserstoff vorbereitet hat. Es gibt also eine Bewegung in Richtung Wasserstoff, weil die Praxiserfahrungen zeigen, dass die Technologie funktioniert.

Warum nicht einfach weiter Diesel fahren?
Ich bin für ein Umdenken in Sachen Emissionen und Klima – das ist unumgänglich. Aber man sollte hier schrittweise vorgehen und nicht alles überstürzen. Eine umfassende Kosten-Nutzen-Rechnung ist entscheidend, und dabei schneidet Wasserstoff derzeit sehr gut ab. Diesel wird auf lange Sicht keine Zukunft haben, zumindest nicht im öffentlichen Verkehr, wo die Anforderungen an Nachhaltigkeit immer strenger werden. Wasserstoff bietet uns eine Möglichkeit, Emissionen zu senken, ohne unsere Betriebsabläufe oder die Wirtschaftlichkeit zu gefährden. Das ist für mich der Schlüssel: Nachhaltigkeit und Pragmatismus müssen Hand in Hand gehen.